Aktive Kandidatenansprache aus Sicht des Kandidaten perfekt zusammengefasst!

Diesen Profilspruch habe ich heute bei Xing gefunden. Ein Senior Developer, der sich, wie leider sehr viele, mit den täglichen Massenmails gedankenloser Recruiter rumschlagen muss. Ich finde seinen „Vier-Punkte-Plan“ genial und dem ist auch nichts mehr hinzuzufügen :-)!

You are looking for an employee? Then be professional: 1) Do not simply add me as a contact but send a message. 2) Provide meaningful details on the position, not the average profile I have seen a thousand times. 3) Be polite and check your spelling, I will ignore mass mailings. 4) I am not willing to relocate, so please focus on Cologne and its vicinity. Still here? Glad to make your acquaintance.

Ein Tag im Leben einer Recrutainerin

Recrutainer brauchen gaaanz viel Schlaf. Am Tage reden sie sooo viel und sind dann abends totaaaal müde. Sie geben im wachen Zustand alles, sind stets mit dem Herzen dabei und arbeiten mit ihren Emotionen. Sie begeistern, müssen analytisch und um die Ecke denken. Sie sind kreativ, lachen viel. Problemlöser und (nicht anerkannter) Psychotherapeut gehören ebenfalls zum Job. Im richtigen Moment zeigen sie sich dann aber sachlich und seriös. Das verlangt viel ab. Ja, ok, jedem Menschen verlangt der Job viel ab. Ich könnte auch einfach schreiben: Ich brauche viel Schlaf!

Der Morgen

Morgens gegen 8 Uhr geht es los. Mails sichten? Nö, erst mal blinzeln und mit dem ersten wachen Auge schauen, ob im Xing-Postfach eine Nachricht eingetrudelt ist. Gestern wurden ja schließlich auch fleißig Profile angeschrieben. Dann erst folgen die normalen Mails. Eine Tasse Ingwertee muss her und dann hält sich die Neugierde nicht mehr in Grenzen. Der Bewerbungseingang wird gesichtet. 19 Bewerbungen seit gestern Abend. Das reicht für die erste Tasse Tee. Das Screening dauert meistens nicht lange und schnell steht fest: Könnte passen – einladen; könnte vielleicht passen – noch eine Mail mit 1,2 Rückfragen stellen; passt leider nicht – absagen.

Kurz darauf steht die Kollegin mit 3 neuen Stellenanforderungen im Büro! Alles IT-Vakanzen? Oh je, und das so kurz vor Weihnachten. Das beschert keine ruhige Vorweihnachtszeit. Nein, das nicht, aber es ist wieder eine echte Herausforderung. Also kurz sammeln und überlegen: Wen kenne ich? Wen habe ich noch im Bewerberpool? Und wer könnte jemanden kennen, der wieder jemanden kennt usw… Der erste Kollege ist schnell gefunden, der wiederum jemanden kennt. Und mit einer netten Penetranz bekomme ich auch gleich eine Handynummer und whatsappe einen potenziellen Bewerber an mit dem Hinweis, dass der Kollege seine Nummer nur unter Androhung der Todesstrafe herausgegeben hat. Ein Kurzes hin und her reicht und schon sind die Beiden heute Abend auf einen Glühwein verabredet. Prima. Läuft. Unter Alkoholeinfluss findet „er“ die beschriebene Stelle bestimmt toll! Stelle eins schon mal verarztet.

Weiter geht es mit der nächsten Stelle. Hatte ich da nicht vor ein paar Monaten eine coole Bewerbung auf dem Tisch. Sympathisch und so „anders“, dass ich mich heute noch dran erinnern kann? Ja, hatte ich. Schnell raussuchen. Das geht mit einer zweiten Tasse Tee, diesmal in der Variante „Morgengruß“, gleich viel besser. Die Bewerbung ist schnell gefunden – es lebe die Zeit, die man sich für Ordnung am Arbeitsplatz nimmt. Über Xing bekomme ich sogar in Minutenschnelle eine Antwort. Schade, hat schon was Neues, aber er kennt auch wieder wen, der für uns interessant sein könnte. Und ich bekomme die nächste Handynummer, ohne fragen zu müssen. Sollte ich mit den Bankdaten auch mal versuchen! Eine WhatsApp genügt und für den Nachmittag ist ein erstes Telefonat vereinbart. Mittlerweile ist es 10 Uhr. Die Zeit vergeht. Schnell ein paar nette Mails verfassen und Bewerber informieren, dass wir sie kennenlernen möchten. „Wann habt Ihr Zeit?“ Das ist die große Frage. Als netter Arbeitgeber setzen wir ja keinem feste Termine vor die Nase, sondern fragen, wann der Bewerber kann!

Ach Mist, ich wollte doch noch in meinem Bewerberpool nachschauen, ob da nicht noch interessante Bewerbungen für die anderen neuen Stellen schlummern. Dann mal los. Joa 2,3 finde ich noch. Ich schreibe sie direkt an.

Dann endlich folgt die tägliche und geliebte Xing-Session: Verstecken spielen. Die Profile, die zu uns passen, haben sich, wie immer, gut versteckt. Ich muss sie nur noch finden. Toll, dass Xing dieses Spiel für uns Recrutainer erfunden hat! Jetzt brauch ich aber mal ein Glas Wasser für einen kühlen Kopf. Dann geht es los. Bis zur Mittagspause schreibe ich 5,6 Personen an. Waaas? Mehr nicht? Nein! Massenmails sind blöd. Und sich jedes Profil anschauen und entsprechend individuelle Texte schreiben, das braucht eben seine Zeit. Zwischendurch bimmelt das Handy immer mal wieder: „Eine neue WhatsApp-Nachricht“. Da gibt es Fragen zu unseren Stellenanzeigen. Die beantworte ich doch gerne und umgehend.

Der Mittag

Um 12.30 Uhr ruft der Magen nach was Leckerem. Heute stehen Austernpilz-Geschnetzeltes mit Reis auf dem Speiseplan. Lekka. Und beim Essen freut man sich immer noch ein Loch in den Bauch, dass die Beiden heute Abend Glühwein trinken gehen und fragt sich: Warum gehe ich eigentlich nicht mit?

Um 13 Uhr hat man das Essen dann endlich, am Ende kalt, verputzt. Wenn man ständig auf sein Handy schaut, in der Hoffnung es gibt schon die ersten Reaktionen bei Xing, kann das mit dem Aufessen schon mal länger dauern. Dann ab in die nächste Xing-Session. Die ersten Feedbacks trudeln ein und siehe da, für morgen gibt es gleich ein Telefonat! Freu! Zwischendrin werden immer wieder die Mails geprüft und Termine vereinbart. Meistens hüpft man hier und da auch mal voller Euphorie auf den Bürogang und erzählt dem Kollegen, dass man gerade DEN Kandidaten gefunden hat. Man nennt es auch den „Recrutainer-Tanz“. Wenn wir Recrutainer eins können, dann ist es, uns gemeinsam zu freuen und auch gemeinsam zu trauern.

Der Nachmittag

Um 15 Uhr muss ein Blümchenkaffee für neue Energie sorgen, denn jetzt geht der Tag für uns erst richtig los. Dann, wenn alle an den Feierabend denken, startet bei uns Recrutainern die heiße Phase: Die Zeit der Telefonate. Jetzt haben Interessenten Zeit, sich mit potenziellen neuen Arbeitgebern zu beschäftigen, fernab vom eigenen Bürostress. Also: Der Tag endet oft erst um 19-20 Uhr. Aber das ist nicht schlimm! Macht ja Spaß!

Der Abend

Und am Abend, wenn man zur Ruhe kommt, drehen sich die Gedanken die ganze Zeit um diesen Glühwein. Also, schnell zum Herd, selber einen warm machen, genießen und warten, dass bei WhatsApp die erlösende Nachricht kommt: „Kumpel ist jetzt blau, will sich die Stelle bei uns aber anschauen!“

Und kurz bevor das Licht ausgeht und alle im Haus schon schlafen, linst man noch ein letztes Mal aufs Handy. „Ach guck, bei Xing hat sich jemand gemeldet!“ Mit dem wohligen Gefühl der Recrutainer-Befriedigung fällt man in einen tiefen, festen Schlaf.


Das ist Recrutainment – Natürlich und mit Spaß!