Der Selbstversuch: Was schreiben mir Headhunter bei Xing?

Die Idee

Ich selber bekomme natürlich auch Jobangebote via Xing. Aber in welchem Ausmaße dies die heiß begehrten IT-Fachkräfte (und natürlich auch andere) zu Spüren bekommen, kann ich aus Erzählungen nur erahnen. Die Ausführungen von Freunden und Bewerbern haben mich neugierig gemacht. Also startete ich im Januar den dreimonatigen Selbstversuch und habe mir doch wirklich ein nicht erlaubtes Fake-Profil bei Xing zugelegt. Wer ich dort angab zu sein? Ein Softwareentwickler Java mit fünf Jahren Berufserfahrung in der Beratung, einem Uni-Abschluss und wohnhaft in Düsseldorf. Die ein oder andere moderne Technologie rundeten mein Profil ab. So, das war schnell gemacht. Nun hieß es: Warten. Ach ne. Warten war überflüssig, da schon am selben Tag die ersten Jobangebote ins Postfach flatterten. Die erste Aufregung um meine Person hatte sich aber schnell gelegt, so dass ich es in drei Monaten „nur“ auf 17 Nachrichten und 5 Kontaktanfragen geschafft habe.

Normalerweise zieht man ein Fazit am Ende eines Textes, aber ich muss es jetzt schon mal loslassen: Es war ernüchternd. Traurig. Einfallslos.

Die Fakten

Von den 22 Nachrichten war keine einzige von einem Inhouse-Recruiter dabei, sondern allesamt von Personalvermittlungsunternehmen, Headhuntern, HR-Consultants oder Recruitern mit den dollsten Namen, die sich alle sehr wichtig anhörten. Die Anfragen hatten eins gemeinsam: Die IT-Spürnasen sind spezialisiert auf die Vermittlung von Fach- und Führungskräften. Dies wurde auch in aller Deutlichkeit erwähnt. Also gab es hier keine Alleinstellungsmerkmale hinsichtlich der Firmenausrichtung. Es spezialisiert sich aber auch kein Unternehmen auf die Vermittlung von Schnarchnasen, oder? Ja, ja, ich weiß, dass Ihr jetzt an das Arbeitsamt denkt – böse, böse.

Nur eins der Unternehmen (aus Düsseldorf) war mir vom Namen her bekannt. Das war auch die einzige Anfrage aus meiner Region. Die restlichen Firmenadressen tummelten sich vor allem in Berlin und München, einige wenige im Norden. Interessant: Die wenigsten Personalvermittler suchten für Kunden aus ihrer Region. Im Gegenteil: Düsseldorf sucht für München, München für Düsseldorf.

Firmennamen meiner potenziell neuen Arbeitgeber wurden in keiner Mail verraten, aber alle meine zukünftigen Brötchengeber hatten eins gemeinsam: Innovativ, modern und auf der Suche nach ambitionierten Mitarbeitern. Das Übliche eben. Toll, dass es in Deutschland scheinbar nur so erstklassige Unternehmen gibt. Noch toller wäre es, wenn innovativ, modern und Co. sich auch in den Anfragen widergespiegelt hätten. Aber man kann ja nicht alles haben.

Die Firmen- und Tätigkeitsbeschreibungen unterschieden sich leider gar nicht. Ein Einheitsallerlei. Da fragte ich mich doch so manches Mal: An welchem Kriterium sollte ich nun ausmachen, dass genau dieses eine Unternehmen das Richtige für mich ist? Die mittels Copy & Paste mitgeschickten und anonymisierten Stellenprofile sahen leider auch alle irgendwie gleich aus. Vielleicht haben all diese Recruiter auch einfach für das gleiche Unternehmen gesucht? Könnte sein, muss aber nicht.

Die Fotos der weiblichen Headhunter (1/3 der Anfragen waren von Frauen) waren teilweise etwas „aufreizend“. Vielleicht sollten sie mich wuschig machen, um von dem monotonen Geschreibsel abzulenken?

Was mir besonders aufgefallen ist: Bis auf eine wirklich innovative und individuelle Ansprache, die aus der Masse hervorstach, stellten sich alle Absender sehr in den Vordergrund und fingen die Konversation an mit: Ich bin, ich heiße und ich suche. Wenn man sich nicht kennt, dann ist das ein guter Weg. Leider fehlte mir hier wenigstens im weiteren Text komplett das wirkliche Interesse an meiner Person. Ich hatte mehr das Gefühl, dass nicht ich wichtig war, sondern der Absender der Mail.

Die 10 häufigsten Floskeln
  1. Suchen Sie eine berufliche Herausforderung?
  2. Interesse an einer beruflichen Veränderung?
  3. Kommt eine berufliche Herausforderung in Frage?
  4. Ich habe Ihr interessantes Profil gelesen.
  5. Für meinen Mandaten suche ich…
  6. Für ein Unternehmen suche ich…
  7. Wir sind spezialisiert auf die Vermittlung von Fach- und Führungskräften.
  8. Schicken Sie mir Ihren Lebenslauf an xxx.
  9. Das Unternehmen sucht ambitionierte Mitarbeiter.
  10. Habe ich Ihr Interesse geweckt?

Ich habe mich gedanklich schon in ganz Deutschland arbeiten sehen, denn die Jobs wurden mir in allen Himmelsrichtungen angeboten. Ich konnte mich dann leider nicht ganz entscheiden: Lieber in die Berge? Ans Meer? Oder doch Berlin?

Fast etwas dreist empfand ich die häufige Aufforderung, meinen Lebenslauf direkt zuzusenden, ohne dass mein Interesse oder meine Gesprächsbereitschaft abgefragt wurden. Irritiert hat mich auch die Anfrage einer Assistentin, die für ihren Chef auf der Suche war (auch eine Personalvermittlung). Da machte sich der feine Herr also nicht mehr selber die Hände …., aber lassen wir das.

Da ich in den meisten Fällen nichts Konkretes zum Job erfahren habe, kann ich leider keine realistischen Zahlen nennen, ob es sich häufiger um Beraterjobs oder Inhouse-Stellen gehandelt hat.

Am Ende…

… bleibt mir nur diese eine Ansprache, die ich wirklich ansprechend, individuell und einfach nett fand. Mein persönlicher Strohhalm. Und weil er so nett war, habe ich auch gleich klargestellt, dass es mich gar nicht gibt :-).

Das ist dann wohl die trostlose Realität. Schade. Am Ende werden diese Massennachrichten mittels Copy & Paste aber Erfolg haben, denn einer meldet sich immer zurück.

Auch wenn ein wenig Ironie mitschwingt, ist es mir noch wichtig zu erwähnen, dass dies keine repräsentative Studie ist, sondern nur ein neugieriger Selbstversuch. Dieser soll die Arbeit anderer auch nicht in Frage stellen, sondern einfach zum Denken anregen. Jeder, der in meiner Branche unterwegs ist, sollte sich selber hinterfragen: Welche Art der Ansprache würde ich mir wünschen? Mir ist bewusst, dass natürlich ein gewisser Zahlen- und Erfolgsdruck dazu nötigt, diese Massenmails zu schreiben. Manchmal ist Qualität aber erfolgreicher als Quantität. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Bewerber dies zu schätzen wissen. Zum Glück!


Das ist Recrutainment – Natürlich und mit Spaß!

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar